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Leseprobe
In der Stadt Venedig im Oktober des Jahres 1750
Nebel wand sich um die Gräber, wogte über die kiesbedeckten Wege und
umschlang die Statuen der Todesengel. Alessio
verspürte ein
Kribbeln zwischen den Schulterblättern, als ruhten Augen auf ihm,
doch er nahm niemanden wahr. Wer sollte hier sein zu solch später
Stunde? Verlassener und trostloser als je zuvor erschien ihm der
Friedhof. Alessio setzte seinen Weg zwischen den Gräbern fort. Eine
Böe riss ihm die Kapuze seines Umhangs vom Kopf. Die Rose für
Cassandra hielt er schützend an sich gepresst, während er mit der
freien Hand die Kapuze wieder über sein Haar zog. Regen setzte
ein, feiner Regen, der sich mit dem Mondlicht zu einem silbernen
Schleier verwob. Einige Regentropfen fanden den Weg an Alessios
Pestmaske vorbei und rannen seine Wangen herab. Sie ließen ihn an
Tränen denken, von denen er unzählige für Cassandra vergossen hatte.
Cassandra, deren Todestag sich heute zum 175. Mal jährte. Doch war
es ihm, als stürbe sie Nacht für Nacht. Hier war er allein mit
seiner Trauer und seinen Erinnerungen. Allein?
Kies knirschte. Alessio fuhr herum und erblickte
Jean-François, den er länger kannte als jeden Menschen. Auf dessen
Lippen lag jenes ironische Lächeln, das so typisch für ihn war.
Seine mitternachtsblauen Augen gaben keine Seele zu erkennen. Nichts
reflektierten sie als die Kälte des Weltalls.
„Bonsoir“, sagte Jean-François.
„Warum schleichst du hier herum?“
„Von Herumschleichen kann keine Rede sein. Du bist
unachtsamt geworden, mon ami. In der alten Zeit wäre dir dies
nicht passiert.“ Jean-François lächelte. „Ich hätte dich umbringen
können, wäre dies meine Absicht gewesen.“ Betont provokant, wie es
Alessio erschien, strich Jean-François sich eine dunkelbraune Locke
aus dem Gesicht. Dessen Mantel stand offen und gab den Blick frei
auf eine Moiré-Weste sowie ein Justeaucorps und Kniehosen aus
weinrotem Seidensamt. Wie schlicht fand Alessio dagegen seine eigene
Kleidung, die ebenso schwarz war wie sein Haar. Doch selbst ohne die
Luxusgesetze würde er keine andere tragen. Seine Profession gebot
es.
„Mich an Cassandras Todestag zu stören finde ich
pietätlos“, sagte Alessio.
„Der Tag ist mir entfallen. Davon abgesehen macht es
keinen Unterschied. Cassandras Geburtstag, ihr Namenstag. Der Tag,
an dem Cassandras Lieblingshuhn geschlachtet wurde, weil es ihrem
Vater auf die Schuhe schiss. Gedenktage, wohin ich blicke. Stets
komme ich ungelegen, also kann es mir ebenso gut gleichgültig sein.“
Jean-François lachte leise.
„Ich hoffe, du hast einen guten Grund, hier zu sein.“
„Einen Grund? Ich brauche keinen Grund. Ich kann mich in
Venedig aufhalten, wann ich will. Hier steht kein Schild: Raus mit
euch fremden Vampyren, Franzosen und anderem Gesindel.“
„Als würde dich das aufhalten.“ „Non.
Davon abgesehen bist du mir noch etwas schuldig.“
Alessio starrte ihn an. „Wegen dieser Nichtigkeit kommst
du hier auf den Friedhof und belästigst mich am Todestag meiner
Geliebten?“ Alessio wandte sich brüsk ab und lief durch die Reihen
der Gräber. Er war froh, dass der Wind endlich verebbte.
„Für mich ist es keine Nichtigkeit“, sagte Jean-François,
der ihm zu Cassandras Ruhestätte folgte. Die Zeit hatte den
Grabstein nachdunkeln lassen, doch die darin eingravierte Rose war
unversehrt. Alessio schloss seine Hand fester um den Stiel der
opalweißen Rose. Blut lief über seine Finger, als die Dornen seine
Haut durchstachen.
„Cassandra wird meine Anwesenheit hier wohl kaum stören.
Sie ist tot.“ Jean-François und trat näher an das Grab heran.
„Denkst du, unter dieser Steinplatte ist nach all der Zeit noch
etwas von ihr übrig?“ Er schüttelte den Kopf. „Non, mon ami.
Tu dir selbst einen Gefallen und lasse sie in Ruhe. Etwas, das du
schon zu ihren Lebzeiten hättest tun sollen.“
„Du hast sie von Anfang an nicht gemocht.“
„Ich muss nicht jeden mögen. Hübsch war sie, doch das war
schon ihr einziger Vorzug. Man konnte sie ertragen, solange sie
ihren Mund nicht aufmachte.“
„Du schätzt es nicht, wenn Frauen eine eigene Meinung
haben?“ Jean-François lachte leise. „Als hätte Cassandra eine eigene
Meinung besessen. Ihr fehlten zudem geistige Gaben.“
„Sie war nicht dumm. Es mangelte ihr allein an Bildung. Dafür konnte
sie nichts.“
„Sie besaß kein Rückgrat und dafür konnte sie durchaus etwas. Ich
hätte sie zum Teufel gejagt.“
„Zum Teufel, dort wo deine liebe Mutter ist?“
Jean-François hob eine Augenbraue. „Gewiss betreibt meine Mutter
jetzt ein Bordell in der Hölle, und wie ich sie kenne, ist sie damit
überaus erfolgreich. Ein wenig Unterstützung könnte dennoch nicht
schaden.“
„So eine Unverschämtheit. Cassandra hätte niemals …“
„War doch nur Spaß.“
„Bist du jetzt endlich damit fertig, an ihrem Grab schlecht über sie
zu reden?“
„Ich habe gerade erst begonnen.“ Jean-François lächelte. „Non,
im Ernst, mon ami. Lass Cassandra endlich hinter dir. Sie ist
Vergangenheit und kommt nie wieder.“
„Das geht dich nichts an.“
„Gewiss nicht. Doch ich mache mir Sorgen um dich.“
„Du machst dir Sorgen?“ Alessio lachte. „Ich glaube es nicht.“
„Glaube, was du willst, doch es ist wahr. Immerhin bin ich dein
Vater.“
„Wie rührend.“ Alessio lachte freudlos. „Doch ich habe keinen Vater.
Hatte niemals einen.“ Bitterkeit lag in seiner Stimme. „Was willst
du von mir?“ fragte Alessio.
„Vielleicht plagt mich mein Gewissen.“
„Etwas, das du unmöglich besitzt. Komme zur Sache.“
„Können wir beide nicht einfach das Leben genießen? Warum ist das so
schwer für dich?“
„Genießen? Bei all der Schuld, die ich trage?“
„Du warst nie frei von Schuld.“
Alessio schwieg. So Unrecht hatte Jean-François nicht. Alessio
starrte auf das Grab vor sich. Cassandra hatte niemals von seiner
Profession als Auftragsmörder erfahren.
„Gewiss kannst du so weitermachen wie bisher“, sagte Jean-François,
„doch führt das nur ins Verderben.“
„Im Verderben bin ich bereits. Wie gesagt, es ist meine
Angelegenheit. Ist morgen Nacht akzeptabel?“ Es klang
unfreundlicher, als Alessio es beabsichtigte.
„Pardon?“ fragte Jean-François.
„Zur Einlösung der Schuld.“
„Absolut. Ich komme zu dir.“ Jean-François lächelte. „A bien tôt.“
Er wandte sich um und ging davon.
Alessio schritt näher an Cassandras Grab heran. Er beugte sich
nieder, um die Rose daraufzulegen, da sah er sie.
Alessio erstarrte. Er erstarrte, wie es nur der wandelnde Tod
vermochte. Sein totes Herz hörte auf zu schlagen und sein Atem
erlosch.
Eine Rose lag dort. Eine schwarze Rose. Wind und Regen hatten sie
auf den Friedhofsboden gedrückt. Ihr Stiel war geknickt, die
Blütenblätter schwer von schimmernden Tropfen. Sie bot ein Bild
morbider Schönheit, doch waren die Erinnerungen, die sie in Alessio
erweckte, alles andere als schön. Massimo. Einzig Massimo hatte jemals schwarz gefärbte
Rosen auf Cassandras Grab gelegt. Massimo, der in verbotener Liebe
zu seiner Cousine entbrannt war. Obwohl Cassandra diese Liebe nie
erwiderte, war Massimo der Ansicht, Alessio habe sie ihm
weggenommen. Massimo verfolgte ihn mit einem Hass, der zu einem
Feuer auswuchs, das heißer brannte als die Feuer der Hölle. Doch es war nicht mehr von Bedeutung. Nichts war mehr von
Bedeutung. Alle waren lange tot. Alle, außer Alessio, der verdammt
war zu ewigem Leben. Cassandra und ihr Cousin starben im selben
Jahr. Cassandras Überreste lagen im Grab zu Alessios Füßen. Massimo
hingegen fand sein Ende durch die Pest in einem Massengrab auf der
Insel des Schmerzes. Der Wind trug nun ihre Seelen. Der verfluchte
Wind, der die schwarze Rose zu ihm geweht hatte, um ihn mit
Erinnerungen zu quälen.
In der Ferne verhallten die Glocken einer Kirche, da stieg Ilaria
aus einem Fenster des Palazzo Riguccio. Vorsichtig ertastete sie die
Sprossen, denn zwischen den Weinranken konnte sie ihre Strickleiter
kaum erkennen.
Im Schatten der Gasse blieb Ilaria stehen und blickte sich um.
Niemand war zu sehen. Sogleich eilte sie weiter und bog um die
nächste Häuserecke. Dort blieb sie stehen, um den Sitz ihres
rauchgrauen Rocks und der Kniehose zu überprüfen. Beide
Kleidungsstücke waren ihr etwas zu groß, denn sie stammten von ihrem
Bruder. Vorsichtig fuhr sie sich über ihr Haar, einer Flut mühsam zu
einem Zopf gebändigter schwarzer Locken. Sie hatte sie grau gepudert
hatte, um weniger aufzufallen. Eine Maske verbarg die obere Hälfte
ihres Gesichts.
Ilaria hob den Blick, als sie die Geräusche eines Stocks hörte. Ihr
Bruder Enrico kam näher. Der Wind zog an seinem offenen Mantel.
Darunter trug er eine graue Weste zu der Kniehose und dem
Justeaucorps in jenem Taubenblau, das Ilaria so gut an ihm gefiel.
Sein
Haar hatte er sorgsam unter einer gepuderten Perücke und einem
Dreispitz verborgen. Enrico verzog
den Mund zu einem süffisanten Lächeln. „Ah, da sind Sie ja endlich,
Sior Maschera“, sagte er, sie beim Namen aller Maskierten
nennend. Er deutete eine Verbeugung an, die auf Ilaria geziert
wirkte.
„Buonasera“, sagte Ilaria. „Wie sehe ich aus?“
Enrico musterte sie von oben bis unten. „Fast so gut wie ich.“ Er
grinste. „Dein seltsames Muttermal hättest du überkleben sollen.“
„Es ist nicht seltsam.“ „Doch. Es sieht aus wie eine dreieckige Warze.“ „Es gibt keine dreieckigen Warzen. Außerdem spricht aus
dir nur der Neid, denn ich besitze, wofür andere Mouches verwenden.“ „Sie benutzen Mouches, um derartige Makel zu verdecken.“
„Es ist kein Makel, sondern ein Vorzug.“
„Rede es dir nur ein.“
Ilaria schnitt eine Grimasse. „Hättest du mir eben eine
Maschera nobile beschafft, wie ich es vorgeschlagen habe.“
Die Kombination aus weißer Wachsmaske, schwarzer Kapuze,
einem dunklen Mantel und Dreispitz war Ilarias Ansicht nach die
beste Verkleidung, wollte man nicht erkannt werden.
„Erstens, Schwesterlein“, sagte Enrico, „darf die
Maschera nobile nur von Männern getragen werden. Zweitens
überschreitet diese Maske meine bescheidenen Finanzen.“ Er nahm
seine Schnupftabakdose aus der Rocktasche. „Wie du mittlerweile
wissen solltest, muss ich für alle Ausgaben Rechenschaft ablegen.
Filomena erlaubt keine Maschera nobile, warum auch immer.“ Er
hob die Achseln. „Also gibt es keine.“
Ilaria lachte. „Sicherlich weil sie denkt, der Schutz der
Maschera nobile würde dich zu Schandtaten verleiten. Dabei
sollte sie längst wissen, dass du dafür keine Maske benötigst.“ „Haha, das musst gerade du sagen.“ Er nahm mit den
Fingerspitzen Schnupftabak und sog ihn genüsslich ein. „Nein“, sagte
er, „der Grund ist Filomenas Geiz. Diese Verkleidung erfüllt keinen
Doppelnutzen. Man kann sie nicht mehr in der Kirche tragen, seit dem
Verbot des Großen Rates.“
Ilaria lachte. „Weil du so häufig in die Kirche gehst.“
„Nur weil du frömmelst, ist das kein Grund, meine
Gewohnheiten in Frage zu stellen.“
„Ich frömmele nicht“, sagte Ilaria. „Doch um nochmals auf
deine spärliche Maskerade zurückzukommen. Hast du dir niemals die
Frage gestellt, dass Filomena dich darin einschränkt, damit sie dir
leichter nachspionieren kann?“
Enrico lachte und nieste zugleich. Schnell hob er ein
Spitzentaschentuch vor sein Gesicht. „Nachspionieren? Warum sollte
sie das tun?“ Über den Rand des Tuchs blickte er Ilaria an. „Ah, du
denkst, wegen dir. Du hast mich während des gesamten letzten
Carnevale begleitet und niemand hat Verdacht geschöpft. Warum
sollte Filomena gerade jetzt argwöhnisch werden?“ Ilaria biss sich auf die Lippen. „Sie
... sie hat mein
Tagebuch gelesen.“
Enrico verstaute seine Schnupftabakdose und starrte sie
entgeistert an. „Du hast doch nicht etwa von unseren Ausflügen
hinein geschrieben?“
Sie wich einen Schritt zurück, da seine plötzliche
Heftigkeit sie überraschte. „Nein, denkst du ich bin wahnsinnig? Es
war so schon schlimm genug, zu hören, wie sie sich in ihrem Büro vor
anderen über mich lustig gemacht hat. Als wären meine Gedanken und
Träume nur die Dummheiten eines Kindes.“
Er lächelte. „Soso, du hast also an der Wand gelauscht?“
„An der Tür hört man besser.“ Sie senkte den Kopf. „Ich
habe mein Tagebuch daraufhin sofort vernichtet.“
„Und deine Gedichte?“ fragte er.
„Alle zerstört. Es gibt nichts mehr.“
Enrico sah sie schweigend an. Sie war ihm dankbar, dass er
das Thema ruhen ließ. Es tat zu weh.
„Gehen wir jetzt weiter oder willst du hier festwachsen?“
Enricos Stimme bebte vor Ungeduld. Er wartete nicht auf Ilaria,
sondern lief sofort los. Sie eilte ihm nach.
„Da kommst du ja endlich“, sagte er. „Ich dachte schon, du
wolltest die Nacht vertrödeln.“ Er lächelte sie an.
„Habe ich nicht vor.“ Ilaria zwang sich, das Lächeln zu
erwidern, was ihr jedoch nicht so recht gelang. Wie gern besäße sie
Enricos Zuversicht. Doch dieser hatte leicht reden. Im Gegensatz zu
ihr stand für ihn weder sein Status noch seine Zukunft auf dem
Spiel. Der Preis, erkannt zu werden, war für Ilaria hoch, womöglich
zu hoch, doch wer wusste, wie lange sie dieses bisschen Freiheit
noch besitzen würde.
Enrico deutete auf den von Fackeln erleuchteten Eingang
eines Palazzo. „Dies ist das Ca’ Mandarno.“ Ilaria vernahm
gedämpfte Musik und Stimmengemurmel aus selbigem. Wie so oft empfand
sie Befangenheit bei dem Gedanken, dort hineinzugehen zu all den
fremden Menschen.
Offenbar missdeutete Enrico ihr Zögern, denn er sagte:
„Die Contessa Mandarno ist bekannt für ihre Salons, in denen sie
Dichter, Maler und Philosophen um sich schart.“
Sie nickte leicht. „Eine Dame von Welt.“
„Gewiss. Zudem ist sie hübsch und äußerst freigiebig in
ihrer Gunst.“ Er lächelte. „Besonders mir gegenüber.“
„Soso. Ich dachte, die Dame wäre verheiratet.“
„Ist sie auch.“
„Und das hindert dich nicht an einer Affäre mit ihr?“
Er hob die Achseln. „Das machen doch alle.“
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